Türkei & Georgien per Motorrad 2015 - Türkei

Berge, Taurus, Atatürk (Stand: 2016/07/27)

Durch die Türkei

Ein Märchen von freundlichen Menschen

Türkei 2015 - Motorrad vor Minarett einer Moschee
Türkei 2015 - Motorrad vor Moschee

Mit dem Motorrad durch die Türkei. Doch die­ses Mal nicht - wie schon mehrfach - ein­fach nur schnell hindurch, um das dahinter lie­gen­de Ziel-Land zu erreichen. Dieses Mal - auch, wenn sich eigentlich nichts ändert - soll es ex­pli­zit Türkei mit dem Motorrad sein. Tür­kei als Ziel. Nicht nur als Durchfahrts-Hür­de.

Und siehe da: Die Kollegen, die sonst immer drauf geschmipft haben, auf keinen Fall wie­der durch die Türkei wollten, sind plötzlich be­­­gei­stert.

Wir erleben ein regelrechtes Märchen von Freund­lich­keit. Werden überall an­ge­spro­chen. Herzlich eingeladen.

Erfahren wieder ein wahres Potpourri un­ter­schied­licher, toller Landschaften. Berge. Wei­te Ebe­nen. Straßen durch den Fels. Saftig grüne Hochebenen. Auch hier fast nix Neues - aber die Kollegen staunen.

Die Türkei - ein grandioses, großes Land - mit jeder Menge Licht ... als auch Schatten. Türkei per Motorrad - ein großartiger Spaß.

Route im Überblick

Motorrad Türkei 2015

Tagesetappen Türkei
- Tag 7, 27.08.2015, 283km (Türkei)
- Tag 8, 28.08.2015, 451km (Türkei)
- Tag 9, 29.08.2015, 366km (Türkei)
- Tag 10, 30.08.2015, 383km (Türkei)
- Tag 11, 31.08.2015, 366km (Türkei)
- Tag 12, 01.09.2015, 238km (Türkei)
- Tag 13, 02.09.2015, 370km (Georgien)

Schnitt: 351km/Tag
Motorrad Türkei 2015 - Übersichtskarte
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Hoşgeldiniz

Türkische Gastfreundschaft

Hoşgeldiniz - herzlich willkommen. Genau so fühlt sich der erste Tag in der Türkei heut an. Und das wird auch in den nächsten Tagen so bleiben.

Motorrad Türkei - Lagerplatz im Abendlicht
Lagerplatz im Abendlicht

Wir haben die Fähre in Cesme verlassen. Die bü­ro­kra­ti­schen Ak­te gehen schnell und ent­spannt von der Hand. Hier am Fährhafen viel ruhiger und ef­fi­zi­en­ter als an den Stra­ßen-Grenz­über­gän­gen der letz­ten Jahre. Auch, wenn ich zugeben muß, daß ich gern an Erlebnisse mit ita­li­eni­schen Zwei­rad­drosch­ken zu­rück­den­ke...

Thomas wirft mal wieder sein Smart­phone-Na­vi ins Ren­nen und wie aus vorherigen Jah­ren be­kannt, geht's wieder höchst in­te­res­sant quer durch's Ge­mü­se, klein­ste Sträß­chen, Dör­fer und Hinterhöfe.
Nach mehreren Stunden und kaum wahr­nehm­ba­ren Ki­lo­me­tern auf der rie­si­gen Tür­kei­kar­te hal­ten wir leicht geschafft im Schat­ten ne­ben ei­nem Hof­tor am Ende der Welt. Nicht lange und der Besitzer steckt arg­wöh­nisch den Kopf aus der Tür und ver­schwin­det wie­der.

Wir denken grad müde schmun­zelnd an wackeln­de Gar­di­nen da­heim in dt. Dörf­lich­keit als sich die Türe wieder öffnet und uns mehrere ge­kühl­te Fla­schen Was­ser und eben­so ge­kühl­te Me­lo­nen­stück­en ge­reicht wer­den. Die erste Über­ra­schung.

Für heute und die nächsten Tage soll das nicht der ein­zi­ge Kon­takt zu ein­hei­mi­scher Gast­freund­schaft wer­den. Wir werden noch häufig sehr po­si­tiv über­rascht. Nachher wird es z.B. an einer Tank­stel­le noch Tee, Gebäck, freund­liche Wor­te, Lä­cheln und Schul­ter­klop­fer ge­ben.

Man könnte dieses herzliche, freund­liche Auf­tre­ten ver­su­chen, an der länd­li­chen Ab­ge­schie­den­heit fest­zu­ma­chen - die tür­ki­sche Pro­vinz ist nicht der Ruhr­pott (vie­le Men­schen auf eng­em Raum). Je­doch er­le­ben wir die­se Freund­lich­keit auch in grö­ße­ren Städ­ten.

Egal, ob Türkei oder Iran - es drängt sich der Ein­druck auf, daß die in der west­li­chen Welt so schlecht be­leu­mun­de­ten Mus­li­me ei­ni­ge mo­ra­li­sche Wer­te wie Freund­lich­keit ge­gen­über Frem­den hö­her hal­ten als wir da­heim in der (bei uns) stets hoch­ge­lob­ten west­lich-de­mo­kra­ti­schen Welt.

Sollte uns das nicht etwas nach­denk­lich ma­chen?
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Verkehrsregeln auf türkisch

Einmal Fahrrad bitte...

Wir sind in der Türkei schon­ ein­mal arg ins Stol­pern ge­kom­men - respektive mit der po­li­zei­li­chen Obrig­keit an­ein­an­der ge­ra­ten, was uns mal eben einen halben Tag Zeit kostete, um unsere Strafe zu löhnen. Aus diesem Grunde sind wir die­ses Mal vor­sich­tig un­ter­wegs. Aber wir kom­men ein­mal trotz­dem nur mit blau­em Auge davon.

Was man vielleicht im Vorfeld wissen sollte: Für PKWs gilt in der Türkei 50, 90, 110, 120 aka Ort­schaft, au­ßer­orts, Schnellstraße, Autobahn.
Wer nun denkt, das würde auch für flin­ke Mo­tor­rä­der gel­ten, irrt. 50, 70, 70, 80 lautet hier tat­säch­lich die traurige Formel.

Sollte man - eher auf großen denn auf klei­nen Stra­ßen - mal in eine Polizeikontrolle geraten, kann Freund­lich­keit zu einem zu­ge­drück­ten Auge ge­gen­über den ah­nungs­lo­sen Aus­län­dern auf Mo­tor­rad füh­ren - muß es aber nicht...

Menschen

Zwischenmenschlich traumhaft

Im Nachhinein betrachtet ist es ei­gent­lich ein Phä­no­men. Wir be­we­gen uns recht zügig durch die Tür­kei - le­dig­lich 7 Ta­ge auf dem Hin­weg, ma­chen aber un­ter­wegs selbst in die­ser sehr kur­zen Zeit so vie­le po­si­ti­ve mensch­li­che Er­fah­run­gen, daß sich damit Ge­schich­ten er­zäh­len las­sen.

Tag 2: Wir kommen - ohne es zu ahnen - wie­der am uns be­kann­ten "Bier­gar­ten" vor­bei. Es gibt ein freu­di­ges Wie­der­er­ken­nen. Wir wer­den ein­ge­la­den auf ein Ge­tränk.

Stunden später wollen wir Proviant für die Nacht in ei­nem klei­nen Ört­chen fas­sen. Man kommt ins Ge­spräch mit Ein­hei­mischen. Es wird gelacht. Wir wer­den zu Tee und Ge­bäck ein­ge­la­den. Win­ken­de Ver­ab­schie­dung.

Tag 3: Nähe Salzsee Tuz Gölü müs­sen wir tan­ken. Der Tankwart und ein Kol­le­ge kom­men mit Tee - und Ge­bäck. Mit freu­di­gem Lä­cheln wird per Hand und Fuß kom­mu­ni­ziert. Ein deutsch­spra­chi­ger Tür­ke gesellt sich dazu und das Ge­spräch ge­winnt an Tie­fe.

Verspätetes Mittagessen auf der Ter­ras­se ei­nes Re­stau­rants. Der Chef per­sön­lich em­pfiehlt, lacht, läßt je­dem von uns ei­nen Sa­lat + Ge­tränk auf Kosten des Hau­ses brin­gen. Er wird sich per­sön­lich von uns ver­ab­schie­den. Jedem noch Bonbons und Feucht­tü­cher für die Wei­ter­rei­se in die Hand drücken. La­chend klopft er mir auf die Schul­ter. "Wir wer­den uns wie­der­se­hen, in­shal­lah".

Ein anderer Ort. Ich suche Ersatz für mei­nen ver­loh­re­nen HT-Rohr-Deckel. Ein Türke spricht mich an und führt mich - er­folg­los - durch die Stadt. Er ist sicht­bar un­zu­frie­den, daß er mir nicht hel­fen konnte. Herz­li­che Ver­ab­schie­dung. Win­ken. Wei­ter geht's.

Derweil haben die Jungens an an­de­rer Stel­le Po­si­ti­on be­zo­gen. Sind um­ringt von ein paar Er­wach­se­nen und Jun­gen. Es wird deutsch ge­re­det. Tür­kisch. Es wird Tee ge­reicht. Ge­bäck wird be­sorgt. Ei­ner der Kol­le­gen hört sich den Grund mei­ner Ver­spä­tung an, läßt uns wis­sen, daß wir hier auf ihn war­ten sol­len.
Motorrad Türkei - Africa Twin auf dem Tuz Gölü
Africa Twin auf dem Tuz Gölü

Er wird 10 Minuten spä­ter mit ei­nem per­fekt pas­sen­den Deckel in weiß wieder auf­tau­chen, ihn mir par­tout schen­ken wol­len und zieht her­nach mit ei­nem Lä­cheln, Win­ken und gute Reise von dannen.

Die Leute sind super-offen und herz­lich. Ob es nun in ihrer Natur liegt oder sie einfach durch Kays ge­win­nen­des Lä­cheln verzaubert werden - es bleibt zu evaluieren.

Weiterführende Infos:
- Salzsee Tuz Gölü (de.wikipedia)
- Salzsee Tuz Gölü (en.wikipedia)
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Anatolischer Straßenbau

Weißer Fiesta im schwarzen Gewand

In der Türkei wird angepackt. Kein Klein-Klein, son­dern richtig geklotzt wird allenthalben. Der Stra­ßen­bau sticht uns - die wir uns stän­dig be­we­gen - ganz besonders ins Auge.

Da finden sich mal zig Kilometer neuer, in die Fel­sen gesprengter feinster Straßen. Tun­nels en mas­se. 1A Straßen, die in unseren Karten noch gar nicht ver­zeich­net sind. Und heuer dürfen wir zum ersten Mal - es wird nicht das letzte Mal sein - der Ent­stehung einer neuen As­phalt­piste bei­woh­nen. Stra­ßen­bau auf türkisch. Und das GANZ überraschend - in mehrerlei Hin­sicht. So­viel vor­weg: Wir wer­den es in dau­er­haf­ter Er­in­ne­rung be­hal­ten...

Wir wollen zur Tas Yolu und fahren aus nord­west­lich­er Rich­tung kommend auf's Tal des Eu­phrat zu. Es geht schick durch eine sehr an­ge­neh­me Berg­welt. Leckere Op­tik­häpp­chen. Kur­ve an Kur­ve. Soeben kommen wir um eine sol­che, da... laßt mich schnell mal das Ge­heim­nis tür­ki­schen Stra­ßen­baus ein­flech­ten:

Die Türkei ist ein riesiges Land. Da kann man nicht überall die Mit­tel­strei­fen mit der Zahn­bür­ste po­lie­ren. Da muß man klotzen! Da braucht's was rich­tig Gro­bes!

Motorrad Türkei 2015 - antolischer Straßenbau
Anatolischer Straßenbau

Also erstmal den Untergrund schön platt­mach­en. Her­nach kommt eine gute La­dung gro­ber Schot­ter. Darauf dann schö­ner, scharf­kan­ti­ger, fei­ner Kies. Das alles prima ver­dich­ten und oben drauf sprüht man dann ein­fach als Sah­ne­häub­chen so rich­tig schö­nen, kle­bri­gen, dünn­flüs­si­gen, hei­ßen Asphalt. Und dann kommen drei ah­nungs­lo­se Mo­pe­ten aus Deutsch­land...

Altobelli sind wir in die Ei­sen ge­gan­gen! Was ha­ben wir ver­sucht, irgendwie neben die schwar­ze kle­bri­ge Flä­che zu kom­men! Klappte für 200m ganz gut. Aber die Tür­ken machen wie er­wähnt kein Klein­kram. Die sprü­hen den Plun­der auf die gan­ze Fläche! Erst war noch ein hal­ber Me­ter da­ne­ben Platz. Dann wur­den es 10cm. Sah be­stimmt put­zig aus als die drei dicken Mop­peds an den Be­gren­zungs­pfosten ein um's an­de­re Mal gen Stra­ßen­gra­ben aus­wi­chen, um der Pam­pe zu ent­ge­hen.

Um's kurz zu machen: 500m später haben die Tür­ken Nä­gel mit Köp­fen ge­macht. Alles schwar­ze Pam­pe. Aus­wei­chen un­mög­lich. Lang­sa­mer als Schritt drü­ber­rol­len. Immer die schmat­zen­den Ge­räu­sche im Ohr. Der Kör­per krümmt sich aus Gram beim Ge­dan­ken, was sich dre­hen­de Rei­fen, Flieh­kraft und der schwar­ze Plun­der wohl an­rich­ten mö­gen. Bau­stel­len-LKWs rau­chen un­ge­bremst an uns und PKWs vor­bei. Schmei­ßen schwar­zen Ne­bel auf. Es ist zum Heu­len!

Kurz vor Ende des Dramas: Am lin­ken Stra­ßen­rand hat ir­gend­eine ar­me Sau - die har­ten Wor­te sind jetzt wirk­lich an­ge­bracht! - da hat also so eine wirk­lich ar­me Sau ei­nen wei­ßen Fie­sta ge­parkt... also, wir ver­mu­ten, daß er mal weiß war... jetze isser's je­den­falls nicht mehr.

Und die Moral von der Geschicht? Rollt in oran­ge die Tran­se un­term Schä­fer und weicht sie aus der Pam­pe nicht, rollt wei­ter ein Ma­ri­en­kä­fer wohl­an durch tür­kisch Abend­licht...

Bipolarer Rückblick - Kurdengebiete

Die freundlichen Menschen von gestern

Dezember 2015: Immer wieder, wenn mir der­zeit Nachrichten über Kriegshandlungen in den tür­ki­schen Kur­den­re­gi­onen zu Ohren kom­men, spüre ich, wie sich mir der Magen zu­­sam­­men­­zieht. Er­in­ne­rungen an herzliche Men­schen in einfachen Dör­fern unterhalb tür­ki­scher Kanonen- und MG-Nester werden wach.

Schneller Hintergrund: Vor mehreren Jahren wur­de ein Waffenstillstand zwischen der tür­ki­schen Regierung und der kurdischen PKK aus­­ge­­ru­­fen. Vor Kurzem jedoch wurde die Ru­he ad acta ge­legt: Die kur­dische HDP hat­te die an­stehende Wahl in den Kur­den­re­gi­onen mit deutlichem Vor­sprung vor der tür­ki­schen AKP (der Partei des Prä­si­den­ten Recep Tayyip Erdogan) gewonnen. Er­do­gan nahm dies zum Anlaß, seine Armee wieder ge­gen die Kurden marschieren zu lassen - wo­rauf­hin später auch die Kurden den Waf­fen­­still­­stand als beendet erklärten.

Meine Erinnerung an Diyarbakir: Freundliche, in­­te­­res­sier­te kur­dische Kinder umringen un­se­re Mo­tor­rä­der, bieten uns Sü­ßig­kei­ten an. Er­wachsene win­ken uns zu, la­den zum Tee.

Derzeitige Realität: Türkische Panzer rol­len durch die Stadt. Zivilisten werden er­schos­sen. Krieg.

Meine Erinnerung an Batman, Sirnak, Ulu­de­re, Hakkari: Freundliche, herzliche Men­schen freuen sich ausgesprochen, uns zu sehen, laden uns zum Tee ein; sind glück­lich, daß jemand ihre ab­ge­schie­dene Re­gi­on mit schlech­tem Leu­mund be­sucht. Re­ali­tät jetzt: Die tür­ki­schen Ka­no­nen­stel­lungen in den Bergen oberhalb der ein­fa­chen Dör­fer feuern wieder.
Kurdischer Junge 2013 in Diyarbakir
Kurdischer Junge 2013 in Diyarbakir

Ich bin glücklich, diese freundlichen Men­schen in natura vorort erlebt zu haben. Ge­se­hen zu haben, wie weitverbreitete Vor­ur­tei­le gegen die Kur­den­re­gi­onen durch Herz­lich­­keit und Freund­lich­keit eben jener Kurden des Platzes ver­wiesen wurden.

Zeitgleich stimmt es umso trauriger, daß die­se damals schon un­ge­recht­fer­tigt un­ter­drück­­ten Men­­schen jetzt wieder um ihr Le­ben fürch­­­ten müs­sen.

Das zweite Gesicht

Licht und Schatten

Seit unserer Reise ist viel passiert in der Türkei. Wie überall auf der Welt - so zumindest habe ich meinen persönlichen Eindruck vor Ort gewonnen - sind die kleinen Leute nicht an Ärger interessiert. Wollen einfach gut leben.

Aber wie das alte Sprichwort besagt: Der Fisch stinkt immer am Kopf zuerst.

Mittlerweile - 2016 - sind kri­ti­sche tür­ki­sche Zei­tun­gen und Ra­dio­sen­der be­setzt oder ge­schlos­sen. Hunderte regierungskritische oder nicht voll­stän­dig kon­form agie­ren­de Rich­ter, Er­mitt­lungs­be­am­te und Po­li­zisten ab­ge­setzt, in­haf­tiert und dis­kre­di­tiert. Rich­ter­sprü­che im Na­men des Vol­kes wer­den sei­tens Exe­ku­ti­ve schlicht igno­riert.

Die Türkei unter Prä­si­den­t Recep Tayyip Er­do­gan mutiert langsam - aber stegig - zu ei­nem to­ta­li­tär ge­führ­ten Staat. Die regierende AKP versucht, die Tren­nung von Re­li­gi­on & Po­li­tik als auch Religion & Schul­bil­dung auf­zu­he­ben.
Unterstützung in Form von Wäh­ler­stim­men er­hält sie da­bei mehr­heit­lich aus den eher kon­ser­va­tiv-länd­li­chen Re­gi­onen. Eine tra­gi­sche Iro­nie in die­sem Zu­sam­men­hang: Die AKP konnte vie­le Stim­men eher kon­ser­va­tiv ori­en­tier­ter Kur­den er­lan­gen als jene sich noch im Frie­den mit der Tür­kei be­fan­den. Jetzt rächt sich diese evtl. un­be­dach­te Sicht­wei­se für eben je­ne Wäh­ler.

Weiterführende Infos:

Kemaliye Taş Yolu

Die Steinstraße am Euphrat

Ein fahrerisch sehr schö­ner Nach­mit­tag liegt hin­ter uns. Die Mo­tor­rä­der sind mit tür­ki­schem Asphalt ge­spren­kelt. Der Him­mel ver­dun­kelt sich. Erste Tro­pfen fal­len und wir fra­gen uns, ob wir ein ge­plan­tes High­light die­ser Tour - die Ke­ma­li­ye Taş Yo­lu - auf dan­ge­rous­roads als extrem an­spruchs­voll, ge­fähr­lich gar - im Abend­licht noch rei­ßen soll­ten.

Bzgl. Gefährlichkeit seie vo­raus­ge­schickt: Mas­siv über­trie­ben! Auch mit einer nor­ma­len Stra­ßen­ma­schi­ne wär es kein Pro­blem ge­we­sen. Bei star­ken Re­gen­fäl­len je­doch kann es zu Stein­schlä­gen und Sturz­bä­chen kom­men. Dann ist eine Ein­fahrt we­nig rat­sam.

Die Kemaliye Taş Yolu - die Stein­stra­ße von Ke­ma­li­ye - sollte das ur­sprüng­lich nur über die Was­ser des Eu­phrats er­reich­ba­re Ört­chen Egin - heute Ke­ma­li­ye - an die Au­ßen­welt an­bin­den. Die Ar­beit am west­li­chen Ufer des tie­fen Ka­ran­lik Can­yons dau­er­te vie­le Jahr­zehn­te und for­der­te vie­le To­­des­­op­fer.

Nach 130 Jah­ren Bau­zeit - zwi­schen­zeit­lich wur­de eine we­sent­lich ein­fa­cher und schnel­ler zu be­fah­ren­de Stra­ße am Ost­ufer des Eu­phrats in Be­trieb ge­nom­men - wur­de die Ke­ma­li­ye Taş Yo­lu am 03.08.2002 in Be­trieb ge­nom­men. Sie ver­bin­det Ke­ma­li­ye mit dem gut 80km ent­fern­ten Div­ri­ği. Die letz­ten noch ver­blie­be­nen Me­ter wur­den le­dig­lich im Ge­den­ken an die vie­len Opfer wäh­rend des Baus fer­tig­ge­stellt. Eine ver­kehrs­techn. Be­deu­tung be­sitzt die sehr schma­le, für den Nor­mal­nut­zer nicht eben be­que­me oder schnel­le Stra­ße nicht.

Mit dem Fahrzeug bewegt man sich ent­lang der gut 9km lan­gen Stra­ße durch mehr als 4,7km in den Fels ge­hau­ener, dun­kler Tun­nel oder hoch oben in den Fels ge­trie­be­ner franz. Bal­kons - meist ohne Netz und dop­pel­ten Bo­den. Bei - äu­ßerst sel­te­nem - Ge­gen­ver­kehr wird es sehr eng. Per Mo­tor­rad glück­li­cher­wei­se kein Grund zur Pa­nik.
Motorrad Türkei 2015 - Kemaliye Taş Yolu, Karanlik Canyon
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Die Aus­blicke sind schlicht spek­ta­ku­lär! Tief un­ten die dunk­len Was­ser des sich trä­ge da­hin­wäl­zen­den Eu­phrats. Rings­um über­all stei­le Fels­wän­de, die nur we­nig Ta­ges­licht in die Tie­fen des Can­yons hi­nab vor­drin­gen las­sen.

Besonders in den langen Tunnels fal­len die vie­len klei­nen Öff­nun­gen zum Ta­ges­licht po­si­tiv ins Au­ge. Die­se "Fenster" je­doch - so wur­de uns mit­ge­teilt - dien­ten we­ni­ger dem Zwecke der Be­leuch­tung der meist stock­dunk­len, kur­vi­gen und ver­win­kel­ten Tun­nels, son­dern stel­len viel­mehr beim ma­nu­el­len Vor­trieb der Tun­nel auf­ge­tre­te­ne Fehl­öff­nun­gen dar.

Die meist nicht mehr als gut 2m brei­te Stra­ße ist de­fi­ni­tiv ein High­light je­der Tür­kei-Tour. Al­lein die Ge­gend um Ke­ma­li­ye selbst wä­re 2-3 Ta­ge Ver­weil­dau­er wert.

Weiterführende Infos:
- Streckenführung Kemaliye Taş Yolu
- Streckenführung Überblick
- dangerousroads.org
- Reisebericht 2012 - simplesimon.de
- Reisebericht 2015 - simplesimon.de
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Alles Gute kommt von oben

Wenn große Jungens Dummfug tun

Motorrad Türkei 2015 auf der Tas Yolu
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Nun steht man da so auf der Tas Yolu - mit­ten in nem duste­ren Tun­nel mit spek­ta­ku­lä­rer Aus­sicht auf die ge­gen­über­lie­gen­de Fels­wand und das Wis­sen, daß un­ten - au­ßer­halb des Sicht­fel­des - ein gro­ßes, dickes Was­ser wohnt.

Was tut man? Klar! Man nimmt ei­nen Stein und schmeißt ihn run­ter. War­tet auf das Spritz­ge­räusch des Auf­schlags auf der Was­ser­ober­flä­che. Geht nach vorn an die Kan­te und schaut nach den Rin­gen im Was­ser.

...und direkt ins ver­dutz­te Ge­sicht des 50m tie­fer ste­hen­den Ang­lers - di­rekt vor ihm wei­sen be­sag­te Rin­ge auf die Ein­schlag­stel­le hin...

Wie schnell doch auch gro­ße Jungs in Deckung ge­hen kön­nen... ;)

Kemaliye

Kleinod im tiefen Tal des Euphrat

Der Staub hängt uns noch in den Kla­mot­ten als wir in Ke­ma­li­ye - vor­mals bis 1922 be­kannt als Eğin (um­be­nannt zu Ehren Mu­sta­fa Ke­mal Ata­türks) - ein­rei­ten. An der Tank­stel­le wol­len wir Sprit fas­sen. Meine Twin läßt da­rauf­hin erst­mal ein Asphalt-Häuf­chen auf den Be­ton­bo­den der Tank­stel­le nie­der­ge­hen.

Wir sind kaum abgestiegen als sich die bei­den ge­müt­lich in Stüh­len vor dem Kas­sen­ge­bäude sit­zen­den Her­ren er­he­ben und uns gesten- und wort­reich zwin­gen, Platz zu neh­men als auch zu Tee, Brot und Käse ein­la­den.

Mit Händen und Füßen geht es vor­wärts. Ver­bal brin­ge ich lei­der nicht mehr als ein Hal­lo, vie­len Dank und "Stern­schnup­pe" auf tür­kisch zu­sam­men.

Der kurz nach uns ein­tref­fen­de Me­tin, Rad­fah­rer aus An­ka­ra, über­nimmt je­doch die Über­set­zung.

Zu späterer Stunde brechen wir auf, um mit einer le­bens­lu­sti­gen tür­ki­schen Trup­pe eine Nacht­fahrt auf dem Eu­phrat zu un­ter­neh­men. Es wird ge­lacht, ge­sun­gen und ge­tanzt. Bier­fla­schen ma­chen die Run­de. Wit­ze wer­den ge­ris­sen. Aus­ge­las­se­ne Stim­mung herr­scht auf dem klei­nen kräf­ti­gen Mo­tor­boot.

Die türkischen Kollejens - Weib­lein wie Männ­lein - wis­sen, aus­ge­las­sen Spaß zu ha­ben und es ge­hö­-
Marokko Motorrad - Medina Fes - unterwegs im Souk
Herzliches Willkommen in Kemaliye

rig kra­chen zu las­sen. Nix Kopf­tuch und Co, son­dern Jip­pie und Hei­dri­ho.

Weiterführende Infos:
- Stadt Kemaliye (de.wikipedia)
- Stadt Kemaliye (en.wikipedia - mehr Infos)
- Stadt Kemaliye (tr.wikipedia - via google.translate)
- Fluß Euphrat (de.wikipedia)
- Fluß Euphrat (en.wikipedia - mehr Infos)
- Zweistromland - Mesopotamien
- Mustafa Kemal Atatürk
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Handyman III

Jetzt aber volle Breitseite

Die spaßige Nachtfahrt auf dem Eu­phrat ist be­en­det. Der Boots-/Bus­fah­rer hat uns in Renn­fah­rer­man­nier wieder in Ke­ma­li­ye ab­ge­lie­fert. Frauen, Kinder und Klein­vieh dürfen froh sein, daß sie eben nicht mehr auf der Straße waren. Der Kol­le­je hat wirk­lich alles ge­ge­ben.

Wir laden Metin - unsere türk. Be­kannt­schaft aus An­ka­ra - noch auf ein Bierchen zu uns auf's Zim­mer ein. Und dann pas­siert's! Die ab­so­lut vol­le Breit­seite.

Metin - das beobachteten wir schon im Ver­lauf des Abends - ist mit seinem Smart­phone ver­hei­ra­tet und teilt Alles und Jedes auf Frat­zen­buch. Soweit, so gut.
Anstelle einer interessanten Un­ter­hal­tung und hoch die Tas­sen sitze ich jetzt aber tat­säch­lich zwi­schen drei - DREI!!! - still­schwei­gen­den Hans­würsch­ten, die ihr Handy be­gaf­fen und geistig hun­der­te oder tau­sen­de Ki­lo­me­ter ent­fernt sind, an­stel­le hier und jetzt mit mir das an­ge­bro­chene Bier zu ver­haf­ten! Dem Drang Kopfnüsse zu ver­tei­len plus der Aus­sa­ge "macht das ver­dammt noch­mal, wenn Ihr ins Bett geht" gebe ich nicht nach.

Arme neue Welt! Lautete der Spruch früher "Lie­ber Frau und Kind er­schie­ßen als nen Tropfen Alk ver­gie­ßen", bleibt heute nur noch ab­so­lu­te Stille - ob­wohl der Raum voll ist.

Prost Mahlzeit.

O-Ton

Klare Ansagen

Wann immer wir anhalten, wir kommen mit ir­gend­je­man­dem ins Ge­spräch.

Mal mit Händen und Füßen, da die ge­mein­sa­me Sprache fehlt. Häufig jedoch auch in 1A deut­scher Zun­ge - teils herr­lich ge­färbt mit dem Dia­lekt ei­ner be­stimm­ten deut­schen Re­gi­on.

Egal wie, wo und was - die Kommunikation geht im­mer höchst po­si­tiv von statten. Die Leute - ei­gent­lich im­mer männ­lich, meist 40, 50 plus - sind freund­lich, teils re­gel­recht herz­lich. Tee wird or­ga­ni­siert. Es wird gelacht und ge­spaßt. Die Stim­mung ist üb­li­cher­wei­se höchst po­si­tiv.

Nicht selten fallen dann Aus­sa­gen wie "habe 30 Jah­re in Deutsch­land ge­lebt", "er­folg­rei­che Fir­ma/La­den ge­habt", "Deutsch­land ist ein gu­tes Land", "war eine gu­te/schö­ne Zeit".

Aber immer - wirk­lich fast IM­MER - kommt in freund­li­cher Ton­lage, daß man ir­gend­wann in Deutsch­land die Zel­te ab­ge­bro­chen hät­te, da es nicht mehr schön war. Die Stim­mung wä­re käl­ter ge­wor­den. Die Men­schen un­freund­li­cher. Das Le­ben hek­ti­scher.
Da wäre man halt wie­der heim in die Tür­kei ge­gan­gen. Hier hätte man kein gro­ßes Auto. Kein dies nicht. Kein jenes. Man lebe nur in ei­nem klei­nen Dorf. Aber hier würde man le­ben. Hier lie­fe al­les ent­spannt. Net­te Nach­barn. Herz­lich­keit. Kein Streß.

Ja, hier in der Tür­kei, hier im Dorf am Arsch der Welt lie­ße es sich an­ge­neh­mer le­ben als in Deutsch­land. "Deutsch­land ist ein gu­tes Land. Aber die gu­ten Jah­re sind vor­bei".

Hätte ich solches oder ähn­li­ches nur von ei­ner Per­son ge­hört, wür­de ich es als nich­tig ab­tun.

Aber ich habe es aus vie­len un­ter­schied­li­chen Mün­dern - über meh­re­re Jah­re hin­weg, im Lau­fe meh­re­rer Rei­sen in die Tür­kei - ge­hört.

Das macht schon nach­denk­lich.

Historischer Rückblick

Von Vaspurakanern, Byzantinern, Osmanen & Sykes-Picot

Nachfolgend einfach mal ein paar wei­ter­füh­ren­de In­for­ma­ti­onen zur Historie der Tür­kei, ent­sprech­en­der Vor­läu­fer und langreichender Folgen durch Entscheidungen Dritter.

Besonders hingewiesen werden soll auch auf die Person Musta­fa Ke­mal Ata­türks - in der Tür­kei ver­ehrt und als der Be­grün­der der mo­der­nen Tür­kei be­trach­tet.
Weiterführende Infos:
- Vaspurakan (wikipedia)
- Byzantinisches Reich (wikipedia)
- Osmanisches Reich (wikipedia)
- Sykes-Picot-Abkommen (wikipedia)
- Interview zu Sykes-Picot (dkultur)
- Völkermord Armenier (wikipedia)
- Mustafa Kemal Atatürk (wikipedia)
- 3SAT - "Mustafa Kemal Atatürk - Die Geburt ei­ner Re­pu­blik"
- Kleinasien (wikipedia)
- Kurdistan (wikipedia)

Bayburt-Of-Yolu

Oder auch nicht... - von Serpentinen & Bergstraßen

Planung daheim und Realität tau­sen­de Ki­lo­me­ter ent­fernt, Wochen später, in Wind und Ne­bel ste­hend klaf­fen teils ek­la­tant aus­ein­an­der.

Ok - genaugenommen planen wir nie ;). Wir ha­ben auf 10.000+-5.000km Strecke 5 Punkte, die wir gern an­fah­ren wür­den. Und viel­leicht tun wir das.

Bei der Bayburt-Of-Yolu, der D915 ha­ben wir es im Nach­hi­nein be­trach­tet nicht ganz ge­schafft. Zu­min­dest 6, 7, 8 Ki­lo­me­ter werden wir wohl aus­ge­las­sen ha­ben, den Soganli-Paß ver­paßt, als wir ah­nungs­los rechts ab­bo­gen, die Haupt­stra­ßen­piste ver­lie­ßen und hoch in die Berge gen Uzun­göl-See fuh­ren - mut­ma­ßend, daß es dort lang­ge­hen müsse.

Den ersten Versuch am Vor­abend brechen wir auf­grund von Sturm und sicht­bar schlech­tem Wet­ter über den Ber­gen ab. Aber mor­gen...

Motorrad oberhalb der Bayburt-Of-Yolu D915
"Gefährlicher als die be­kann­te Stra­ße des To­des in Bo­li­vien" (mas­siv über­trie­ben) - so oder so ähn­lich tön­te dan­ge­rous­roads.org. Da mußten wir ja den ver­meint­lich schwie­ri­ge­ren Weg neh­men... ;)

Aber wir hätten eben nur auf der Haupt­stra­ße/-Piste blei­ben sol­len.

Nuja, dann hatten wir eben 15 statt 13 Haar­na­del­ser­pen­ti­nen bei teils <5m Sicht­wei­te durch Ne­bel. Sind grob 1.000m (2.300-1.300) an­stel­le 300m (2050-1750m) Serpentinen blind run­ter­ge­sto­chert. Eben nur die klei­ne Ne­ben­piste run­ter­ge­ei­ert. Aber mit net­tem Blick auf den Uzun­göl-See und ei­nem tür­ki­schen Mit­tag­es­sen auf Te­ras­se mit 1A-Tal­blick und arab. Voll­ver­hül­lung.

Fest steht, die gesamte Ecke ist in Ser­pen­ti­nen, Pisten, ho­he Ber­ge und tie­fe Tä­ler ge­spro­chen schlicht ein Ham­mer! Im Um­kreis von 50-100km könn­te man 1-2 Tage nur Pisten-Ser­pen­ti­nen hoch und run­ter­fah­ren - so man woll­te.

Würde ich das nächste Mal die gleiche Strecke noch­mal fah­ren: Klar NEIN, wenn der Sprit reicht. Hin­ter­grund: Weiterführende Infos:
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Nachtgespenst

Die unterschwellige Botschaft

In Ispir wird schnell noch Ma­te­rie für's Gu­te-Kum­pels-drau­ßen-Abend­es­sen ge­faßt. Auch Bier be­kom­men wir di­rekt am Orts­ein­gang.

Kurze Zeit später stehen unsere Zel­te öst­lich des Stau­sees di­rekt un­ter­halb der Stra­ße auf ei­ner Wie­­se am Fluß, die sicht­bar häu­fig für Cam­ping-ähn­liche Späß­chen miß­braucht wird.

Irgendjemand hat die Ein­fahrt mit ei­nem Erd­hau­fen und einem klei­nen Teich blockiert, um die Zu­fahrt zu ver­hin­dern.

Pro­blem? Nö - nicht für mü­de, dur­sti­ge Recken auf Rei­se-En­du­ro-Schlacht­schif­fen.

Das wird noch ein put­zi­ger Abend. Was mich aber doch a weng ver­stört: Kay wird am nächsten Mor­gen da­rauf be­har­ren, daß ein Esel oder ähn­lich die Nacht am Zelt rum­ge­zup­pelt hat. Wie?! Das habt Ihr nicht ge­hört?!? Der is doch so­gar noch weg­ga­lop­piert...

Ich glaub, ab morgen mischen wir ihm besser kei­nen Ay­ran mehr mit ins Abend­bier...
Motorrad Türkei - Ispir-Artvin - Wanderschuhe im Nachtlager

Poltergeist

Von Steinschlägen und Konjunktur-Raketen

Es ist putzich: Wir schreiben das Jahr 2016 und we­der Google noch alle an­de­ren west­li­chen Kar­ten-Her­stel­ler zei­gen das gro­ße Wäs­ser­chen samt ge­flu­te­tem Tal, um­ge­leg­ten Stra­ßen etc. zwi­schen Ispir und Yusufeli.

Hatte ich schon erwähnt, daß in der Türkei 2015 al­lent­hal­ben Wahn­sinns-Bau­pro­jek­te zu be­stau­nen wa­ren? Stau­däm­me, neue Stra­ßen, Tun­nel­sys­teme - und das al­les nicht nur ein­mal!

Die Strecke zwischen Ispir und Yusufeli ist solch ein Fall. Die alte Straße gibt's teil­wei­se noch am nörd­li­chen Ufer. Die neue Straße dreht - hoch oben - einsam und ver­las­sen au­to­bahn­ähn­lich am süd­li­chen Ufer des schein­bar frisch aus dem Bo­den ge­stampf­ten Stau­sees ihre Run­den.

Ankurbelung der Binnenkonjunktur nennt man das in der Türkei. Präsident Erdogan zeigt sich groß­zü­gig. Schafft an­de­ren Ar­beits­plät­ze und sich selbst Freun­de und Wäh­ler. Nicht nur hier. Al­lent­hal­ben. Rie­si­ge Bau­pro­jek­te. Über­all rum­pelt's und rat­tert's.
Apropos Rumpeln und Rattern. Der uns ent­ge­gen­kom­men­de Tran­sit be­stä­tigt mit sei­ner ein­ge­schla­ge­nen Wind­schutz­schei­be mit ex­qui­si­tem Spin­nen­netz über's Glas ein­drucks­voll was wir schon län­ger ver­mu­ten: Stein­schlag­ge­fahr.

Und so isses denn auch. Überall liegen die mehr oder min­der klei­nen Kul­ler­klötz­chen - teils ganze Fels­chen - auf der frisch ge­wie­ner­ten Straße.

Ganz wohl ist uns bei der Menge der Stei­ne und den ho­hen Fels­wän­den rech­ter­hand nicht zu­mu­te.

Weiterführende Infos:
- Fluß Çoruh
- Deriner-Stausee
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Trampolin-Trude

Eine Transe auf Abwegen

Da stehen sie nun. Im Schatten eines Fels­durch­bruchs hinter dem sich die Straße perfekt und schnurgerade wie in einer ame­ri­ka­ni­schen Schnul­ze zum Darniederknien dem Horizont ent­ge­gen­senkt.

Sie - unser persönlicher und liebster Immer-dabei-Held Kay, laufendes Schweizer Ta­schen­mes­ser, gewinnendes Lächeln auf zwei Beinen & Men­schen­freund vorm Herrn und Trude, das ehe­mals üb­licher­weise best­ge­putz­te Mo­tor­rad der ge­sam­ten Bande - durch türkische Straßen­bau­kunst be­reits leicht modifiziert und mit Asphalt-Patina ver­se­hen.

Sie also - Kay & Marienkäfer-Trude stehen da so am Straßenrand. Er trägt ein gar säuerlich Ge­sicht­chen zur Schau und sie scheint offen­sicht­lich an In­kon­ti­nenz zu leiden. Ein kleines Schmuddel­pfütz­chen unterm Marienkäfer zeugt vom Harn­dran der sonst treuen und hochgelobten Trans­Alp.

Das passendgemachte BMW-Federbein mit hy­drau­lischer Vor­span­nung hat wohl den leicht ver­än­der­ten An­stell­winkel nicht ganz verkraftet. Das Öl geht den Weg alles Endlichen und ver­ab­schie­det sich gen Nim­mer­wie­der­sehen.

Verständlicherweise ist die Stimmung erst­mal nicht op­ti­mal. Lö­sungs­mög­lich­kei­ten wer­den ­dis­­ku­­tiert. Aus­tausch­bein schicken las­sen. Über gute Straßen sach­te heim­zuckeln. Im worst case ab­ho­len las­sen.
Aber glücklicherweise siegt der Blick vorwärts über die Zwei­fel. Im Truckertreff un­ter­halb der Stau­mau­er des De­ri­ner-Stau­sees gibt's nicht nur Çay, La­ma­çun und Bac­la­va, sondern auch die fi­na­le Ent­schei­dung: Fresse halten! Weiterfahrn...!

Und so kommt es, daß Marienkäfer-Tru­de mit voll­­stän­dig zu­rück­ge­nom­me­ner Vor­span­nung ohne Dämp­fung ein­fach eis­kalt wei­ter­rollt. Meh­re­re tau­­send Ki­lo­me­ter. Hi­nein nach Ge­or­gien. Zu­rück durch Tür­kei und über den Bal­kan. Was Trude nicht kann, hat ab jetzt unser per­sön­li­cher Off­road-Pro­fi zu kom­pen­sie­ren. Und er wird in Eck­chen wie z.B. der Sack­gas­se gen Sha­ti­li & Mut­so aus­rei­chend ins Schwit­zen kommen.

Vernunft. Vernunft - was ist das schon, wenn man im Nach­hi­nein auf die fol­gen­den Er­leb­nis­se der er­­folg­­reich be­en­de­ten Rei­se zu­rück­blicken kann?

Lektion gelernt. Wirf die Zweifel in die Ton­ne. Be­halt' das Pri­mär­ziel vor Augen. Beweg Dich.

Und Trude? Vormals das na­men­lo­se, best­ge­putz­te Mo­tor­rad der Trup­pe. Dann kur­zer­hand zum "Ma­rien­kä­fer" mu­tiert. Aber jetzt ist sie na­mens­tech­nisch fi­nal heim­ge­kom­men...

Trampolin-Trude... eine Tran­se auf Ab­we­gen... ;)

Einfach schön Motorradfahren

Von Sahneschnittchen & toller Landschaft

Die letzten Kilometer durch die Türkei stel­len ei­nen land­schaft­li­chen und fah­re­ri­schen Hoch­ge­nuß dar.

Die Strecke Of - Ispir ab Ikizdere gen Sü­den und Art­vin - Ar­da­han sind land­schaft­lich al­ler­erste Sah­ne. Letz­te­re war­tet oben­drein auch noch mit ei­ni­gen in­te­res­san­ten Kur­ven auf.
In beiden Links per ro­tem Fähn­chen mar­kiert je ein in­te­res­san­ter Punkt zum An­hal­ten.
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Gen Gürcistan

Anatolischer Straßenbau II

Heut ist ein großartiger Tag! Herrliches Fahren auf dem letzten Restchen Türkei. Nachher geht's gen Georgien. Das Wetter bombig. Alles läuft wie am Schnür­chen. Nur noch rüber zur Grenze und ab in's gelobte Land.

Böse Passagen sind nicht zu erwarten. Also bleibt die Sonntagskleidung am Mann. Ge­müt­li­ches Ei­er­schau­keln bis Posof...

...und da ham wir wieder die Rechnung ohne den ana­to­li­schen Stra­ßen­bau gemacht! Der Fleiß der Bau­ar­bei­ter wird sich auszahlen! Jetzt gibt's noch­mal schnell so rich­tig schön auffe Fresse...

Als die Straße in eine brei­te Schot­ter­piste über­geht, die Mopeten lange Staub­fah­nen hin­ter sich her­zie­hen und wir automatisch zum kum­pel­haf­ten Pa­ral­lel­fah­ren res­pek­ti­ve Fah­ren mit nem Ki­lo­me­ter Ab­stand über­gehn, hätt' ich ei­gent­lich schon schal­ten kön­nen und die ein­zi­ge Nicht-Mo­tor­rad-Ho­se (die auch für's fei­ne ein­ge­setzt wird und bis dato glänzt und blinkt), gegen die voll­ge­schmod­der­te Zwei­rad­ma­te­rie tau­schen kön­nen...

Hätte...

Und dann geraten wir in die Bau­stelle. Linke Spur frisch auf­ge­spritz­ter Asphalt. Rechte Spur feiner Staub und Kies gar­niert mit Sat­tel­schlep­pern und Co.

Man sieht die Hand vor Augen nicht. Das At­men fällt schwer. Ich will un­be­dingt an dem Sat­tel­schlep­per vor­bei, der irgendwo knapp vor mir fährt. Ge­gen­ver­kehr? Keine Ahnung. Kannich nich sehn...
Türkei Motorrad - Unterwegs gen Gürcistan, Grenzübergang Posof
Unterwegs gen Gürcistan

Und so kommt, was kommen muß: Kurz vor Posof krie­chen 3 komplett wei­ße Ge­stal­ten wie Max und Moritz aus der Mehl­kiste. Die Tür­kei sagt ge­büh­rend Auf Wie­der­se­hen und wir werden - eine Staub­fah­ne aus un­se­ren Kla­mot­ten hin­ter uns her­zie­hend gen Ge­org­ien ein­rei­ten.

Eines aber steht fest: Den Grenz­über­gang Hopa - Ba­tu­mi am Schwar­zen Meer kann man mal mit­ge­macht ha­ben. Durch­aus in­te­res­sant.

Aber Posof - Achal­zi­che ist tau­send­mal ent­spann­ter und mit weit we­ni­ger Rum­mel ge­seg­net.
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Das zweite Gesicht II

Nachtrag

22.07.2016 - nachgeschoben - mitt­ler­wei­le hat sich schon wie­der viel ge­tan. Ein Putsch­ver­such von Tei­len des Mi­li­tärs schlug fehl. Di­rekt im An­schluß - in­ner­halb Stun­den! - wur­den tau­sen­de Rich­ter, Sol­da­ten, Staats­an­wäl­te - aber auch Leh­rer und Journalisten - ver­haf­tet; an­nä­hernd 20.000 Leh­rer und De­ka­ne ent­las­sen; in- und aus­­län­­di­­schen Aka­­de­mi­kern & Wis­sen­schaft­lern wird die Aus­rei­se ver­wei­gert (die Gleich­schal­tung und das Aus­schal­ten kri­ti­scher Stim­men sind in vol­­lem Gan­ge). Er­do­gan ließ einen ex­tra Fried­hof aus­wei­sen auf den die geg­ne­ri­schen Opfer des Put­sches be­stat­tet wer­den sol­len damit man sie dort ge­sam­melt be­schimp­fen kann. Der Aus­nah­me­zu­stand wur­de aus­ge­ru­fen und er­mäch­tigt Er­do­gan für 3 Mo­na­te per De­kret unter Aus­schluß wei­te­rer de­mo­kra­ti­scher In­stan­zen zu re­gie­ren. Er hat die Wie­der­ein­füh­rung der To­des­stra­fe zur Re­de ge­bracht.

Grade bei West­eu­ro­pä­ern ruft das evtl. un­an­ge­neh­me Er­in­ne­run­gen her­vor. Hi­sto­ry re­pea­ting? War­ten wir es ab.
Würde ich derzeit in die Tür­kei fah­ren? Kla­re Ant­wort: Jain.

Nein, da ich mit mei­ner An­we­sen­heit dem Blöd­sinn in kein­ster Wei­se Vor­trieb lei­sten wol­len wür­de. We­ni­ger, da die Ver­hält­nis­se un­ge­klärt sind. Primärfaktor: Antipathie.

Ja, weil sich Menschen nicht von jetzt auf gleich än­dern - die brei­te Mas­se ist sehr freund­lich & herz­lich (unter Ga­ran­tie läuft fast über­all Bu­si­ness as usu­al). Gro­ße Städ­te im Nord­we­sten wür­de ich mei­den. Die wei­ten Flä­chen, die Dör­fer und Städ­te wei­ter öst­lich wür­den mir kei­ne Sor­gen be­rei­ten.

Egal, wie. Die Ent­wick­lung rund um Kol­le­gen Re­cep Tay­yip Er­do­gan er­achte ich als höchst be­denk­lich.

Macht­geil­heit, De­spo­tis­mus und Grö­ßen­wahn sind Käm­pen, die gern ein ge­mein­sa­mes Roß sat­teln...

Weiterführende Infos:
- Recep Tayyip Erdoğan

Türkei - ein Fazit

Grandioses Land voller "Menschen"

Wie bereits erwähnt - wir haben alle mehr­fach die Tür­kei be­reist. Außer mir wollte ei­gent­lich nie­mand mehr hin - respektive "durch". (Wie sagte doch ein alter Australier nähe Lau­rie­ton mal zu mir? "You've not been there, mate. You've bloody been through!" - Du warst nicht da, Kol­le­je. Du bist durch­ge­fah­ren!)

Im Nachhinein sind alle begeistert. Wür­den es ein wei­te­res Mal tun.

Die Türkei ist ein riesiges Land. Sie bie­tet ein groß­ar­ti­ges Pot­pour­ri an Land­schaf­ten. Je nach Re­gi­on ver­schie­de­ne Men­ta­li­tä­ten. Al­lent­hal­ben et­was zu ent­decken. Man­nig­fal­ti­ge Ein­drücke wo­hin man schaut.

Und MENSCHEN.
Ich betone dieses Wort explizit, weil ich nicht von stump­fen, gries­grä­mi­gen Ma­schi­nen re­de, son­dern von freund­li­chen, herz­li­chen We­sen, die Wild­frem­den mit Wär­me, Of­fen­heit und Hilfs­be­reit­schaft ge­gen­über­tre­ten. (Na­tür­lich nicht al­le, aber über­ra­schend vie­le)

Einen Teil dieser freundlichen Gesten habe ich ver­sucht, hier stark gekürzt wie­der­zu­ge­ben. Schlicht, um zu­min­dest ei­nen Ein­druck zu ver­mit­teln. Den Leser zum Re­flek­tie­ren zu er­mu­ti­gen. In der Hoffnung, daß man evtl. das ei­ge­ne Auf­tre­ten mit je­nen Hand­lun­gen in Re­la­ti­on setzt.

Es war großartig, Euch zu tref­fen, lie­be Tür­ken! Schok te­sche­kür ederim - vielen Dank!
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