Norwegen per Solomotorrad im Winter

Winterflucht - nach vorn

Ab in den Frühling

Schneestern, Basecap, Badehose...

Der Wetterbericht sagt -22 für den Harz, für Norwegen jedoch nur -6°C an. Keine Frage. Ab in den Frühling!

Dünnes Öl aufgefüllt. Zweite Zigadose im Cockpit installiert für das Heizvisier. Lenkerstulpen montiert. Und nun Packen: 2 Stollenreifen. Ein Akkuschrauber. Zwei Packungen Schraubspikes plus Einschraub­adapter. Kleinkram, Fährticket, Badehose, Sonnencreme...

Pünktlich vor Abfahrt zur Fähre verbreitet das Kälte-Hoch "Dieter" von Russland kommend die passende Winteratmosphäre. Die Medien predigen Rekordkälte. Die mickrigen 20er erblassen jedoch geradewegs vor den angekündigten -38°C Nachttemperatur in Gol/Norwegen.

Passend dazu sind die Füße in den neuen dicken Winterstiefeln bereits vor der Autobahn auf den ersten 15km des 400km Trips gen Fähre kalt.
Mit zappelnden Zehen wider dem Kältekollaps. Das soll aber glücklicherweise die einzige am eigenen Leib gespürte Kälteerfahrung für den gesamten Trip bleiben. Abends auf der Bahn mit -7°C bei 150km/h darf sich kühl anfühlen. Kollege Körper muß sich erst wieder erinnern was Winter heißt.

Motorrad - Anstehen an der Fähre nach Norwegen
Anstehen an der Fähre Oslo/Norwegen

Norwegen Winter Solomotorrad - Tag 1

Vorsichtiges Herantasten

In Norwegen angekommen Premiere: Noch nie Norwegen. Noch nie so grobe Stollen auf dem Dickschiff. Noch nie Spikes. Heizvisier. Eispisten. Autos, die - selbst mit Spikereifen versehen - kein Erbarmen kennen mit noch spikefreien ahnungslosen Möchtegern-Moppedfahrern.

Norwegen - Reichsweg 7 Richtung Gol mit Schnee & Eis
Reichsweg 7 Richtung Gol


Norwegen - Reichsweg 7 Richtung Gol mit Schnee & Eis
Reichsweg 7 Richtung Gol
Tag 1 entpuppt sich als Berg-und-Tal-Bahn der Gefühle. Verschwitzt, von LKWs die beidseitig von Leitplanken begrenzte Fahrspur der E16 gen Sundvollen entlanggehetzt. Schneefall. Zwei schmale schwarze Streifen Asphalt. Ab und an rutscht das Hinterrad weg. Der rettende Randstreifen, die Abfahrten weiß von tückischem Schnee und Eis.

Zeit für eine Pause. Zeit, die ersten Spikes einzuschrauben. Zeit, festzustellen, daß der Akkuschrauber eben doch nicht zwei volle Reifen durchsteht. Die Außenreihen wohlgemerkt. Über Mittelstollen und Reihe zwei noch nicht einmal nachgedacht. Nunja - nichts, was Miniratsche, Einschraubadapter und Tennisarm nicht richten könnten.

Eine große Tasse Kaffee und einen Schluck Kondensfjerner gegen Einfrieren der Vergaser später geht es mit frischer Zuversicht wieder auf die Bahn. Kurze Zeit später wird die unseelig belebte E16 gegen den immernoch viel zu stark frequentierten Reichsweg 7 gen Gol eingetauscht.

Ziel: Eine geheizte Hütte am Ende eines ersten 180km-Tages voller Überraschungen. Und just jetzt steht eine weitere bevor: Rallye-Spikes auf Asphalt. Wer schon einmal versucht hat, auf einem Zirkusseil zu jonglieren und dabei kläglich scheiterte... Um die Schweißausbrüche der folgenden Stunden abzukürzen: Spikes folgen jeder Spurrille, jedem Fahrbahnriß, jedem Stück sich zum Fahrbahnrand hin absenkenden Asphalt. Adrenalinjunkies seien 1.800er Spikes im Kreisverkehr wärmstens ans Herz gelegt. Allen anderen das Absenken des Reifen-Luftdrucks.

Erkenntnis

Heidewitzka - was ein Spaß

Wenn man den Dreh jedoch erstmal raus hat - heidewitzka. Das kreisrunde Grinsen spottet jeder Beschreibung. Jedoch muß dafür an Tag 2 erstmal der angekündigten Nachtkälte gehörig Tribut gezollt werden. Der Anlasser schafft trotz dünnem 5W-40 Öl und kälteerprobter Hawker-Batterie keinen Aufstand vom Zaum zu brechen. Erst der seelige Benzinkocher unterm Motorblock bringt das High-Tech-Öl in brauchbaren Zustand. Ein Kaffee in der warmen Hütte den eigenen Kreislauf.

Gute hundert Grad Öltemperatur und einige jungfräuliche Schraubspikes später passiert es: Der Verstand begreift auf einer sich ab Nesbyen in die Berge windenden Eispiste was er zu tun hat - nichts. Verstand aus. Gas an. Mit driftendem Hinterrad geht's durch die Kurven. Aufwirbelnder Schnee im Rückspiegel. Solang das Vorderrad die gewünschte Richtung weist, ist alles heilig. Gas stabilisiert!

Und ab diesem Zeitpunkt wird die Reise zu einem unglaublichen, unvergeßlichen Erlebnis.
Motorrad im Schnee - Kocher heizt 5W-40 Öl
Kocher heizt 5W-40 Öl


Wundervolle, weiße Landschaften. Hohe Berge. Stürmische, wunderschöne Hochebenen und Pässe. Kleine und klitzekleine Schnee- und Eispisten. Menschenleer. Malerisch. Und all dies in süchtigmachenden Drifts.

Rückblick - Profis am Werk

Euromaster in Kiel

Weils so schön ist nochmal ein kurzer Rückblick gen Deutschland Richtung vorgestern Mittag. Die Twin trägt noch Heidenau K60 Scout. Zu wenig Profil für Spikes. Nicht wirklich griffig genug für Schnee. Zwei Mefos sind hinten verzurrt. In Ermangelung eines Hauptständers und fehlender Lust die Bude auf die Seite zu legen, sollen die Mannen von Euromaster in Kiel helfen.

Und das geht so: 10:00 Uhr Mopped und Reifen abgeben. Braucht ihr irgendwelche Infos? Drehmomente, blablü? Mit Anfassen? Nö! Geht nicht! Früher ham mer das mal gemacht, aber das geht nicht mehr wegen Versicherung und so. Blablü. ...aber sind ja Profis. Zwölf Fähre... jaja... lange fertig...

Nu gut. Ich marschier mir dann mal bissi Kiel ankucken bevor hier Stunde im Büro rumsitz. Schmöker hier. Schmöker da. Der Thermoanzug ist zum Spazieren eindeutig zu warm! Parkbank. Jacke auf! Jacke aus! Es fängt an zu schneien. Gleich elf. Naja, in 10 Minuten schlender ich zurück...

Im Büro hat sich noch nix getan. In der Werkstatt aber auch nicht. Setzen Sie sich doch erstmal vorn hin. Gleich fertig. Ok - anderthalb Stunden hatten die Jungs ja schon.
Die Zeit läuft. Um zwölf muß ich auf die Fähre. Könnmer schonmal die Rechnung machen? Nee - die machmer immer erst, wenn Reparatur fertig. Ah ja... dacht nur so... Beschleunigung... gleich zwölf... Keine Sorge... Profis.

Fünf vor zwölf werden 5 - in Worten: FÜNF - Mechaniker um mein Vorderrad rumstehen. Verdammt! Was machen die denn?!?

Cheffe kommt hoch ins Büro. Äh... wie bekommt man denn die Tachowelle ab? WHAT?!? Seht ihr die Rändelmutter? Seht ihr, daß die Welle von oben kommt und nach unten in die Tachoschnecke geht?? Rändelmutter abschrauben, Welle rausziehen!! Einfacher geht's nicht! Und nu PRONTO! In minus drei Minuten muß ich an der Fähre sein!

Resümee: Euromaster - Profis - 5 - brauchen 2,5 Stunden um meine Räder aus- und einzubauen und Mäntel zu wechseln. Ich - blutiger Amateur - hätts vor der Halle in ner gemütlichen Stunde auch geschafft, wenn ich die Bude auf die Seite gekippt hätte. Als blutiger Amateur lernt man eben nie aus. Nächste Tour mit Hauptständer...

Norwegen

Menschen, Land & Leute

Jetzt im Winter durch Norwegen zu fahren bereitet Freude. Und das nicht nur, weil man's auf einsamen Pisten fliegen lassen kann.

Nein, es ist die Mischung. Die Mischung aus wunderschönen Landschaften, freundlichen Menschen und stark adrenalinhaltigen Fahrsequenzen.

Dampfender Fluß im Morgenlicht
Dampfender Fluß im Morgenlicht
Die Landschaft ist wundervoll. Speziell oben auf den Fjells ist die Szenerie unglaublich. Dazu die Straßen und Wege meist griffig. Auch wenn starker Wind teilweise den Asphalt blitzen läßt.

Die Menschen sind freundlich. An Tankstellen und anderen Stops kommen sie oft heran und schauen ungläubig. Nicht wenige bücken sich herunter zu den Stollenreifen, berühren die Spikes, "aaahh... pegs...", schmunzeln und heben den Daumen in Zustimmung.

Auffällig ist, daß die meisten Norweger nahezu perfekt englisch sprechen. Ein Grund dafür zeigt sich abends in Hütten und Gästezimmern: Norwegen hat wahrscheinlich zu wenige Einwohner als daß alle Filme und Serien komplett synchronisiert werden würden. Und so werden die meisten Sendungen in originalem Ton mit Untertiteln ausgestrahlt. Eine gute Möglichkeit, norwegisch zu lernen...

Übernachtung

Sternhimmel, Schneegestöber und Kabel-TV

Ich bin ein großer Freund des Unter-freiem­Himmel-Schlafens. Tue es regelmäßig und bin auch bestens ausgerüstet (z.B. Schlafsack bis -42°C). Aber meine Ausrüstung habe ich umsonst nach Norwegen geschleppt.

Doch von vorn: Wider der Empfehlungen mehrerer Leute habe ich meine gewöhnliche Winterausrüstung für den Notfall eingepackt. Der viel zu große und zu schwere Tiefschneeerprobte Winterschlafsack ist zusammen mit einer Thermarest-Matte hinten in einer Rolle verstaut. 4+kg. Der Biwaksack eingewickelt in Mülltüten am hinteren Fußrastenausleger fest verzurrt. Knapp 1kg.

Auch wenn ich es ohne weiteres könnte... ich werde letztendlich jede Nacht unter einem festen Dach verbracht haben.

Es wird früh dunkel. Irgendwie ist man vom ganztägigen Im-Schnee-Rumspringen doch eingesaut. Und morgen früh gibt's Schneegestöber. Der Motor muß wieder erst mit dem Kocher vorgeheizt werden. Und so weiter...

Ein ernstgemeinter Tip von jemandem, der immer schief angekuckt wird, weil es nichts Schöneres für ihn gibt, als im Winter bei -20°C draußen zu schlafen: Spart das Gewicht!

Wenn es nicht absolut nötig sein sollte, weil in der zu befahrenden Region keinerlei Unterkunft zur Verfügung stehen wird oder kann, dann ok. Schleppt die unnötigen 5, 6, 7 kg Mehrgepäck mit. Ansonsten packt einfach einen leichten, kleinen Schlafsack ein und gut ist (0-5°C für notfalls mal eine schlechtgeheizte Hütte). Mit etwas Aufwand findet man Hütten z.b. in Nesbyen, Fagernes, Hemsedal, ... überall dort, wo Leute in oder an den Bergen Urlaub machen werden.
Urige Hütte - Fagernes Camping
Urige Hütte - Fagernes Camping


Tip für Ausrüstung

Hütte
  • leichter Schlafsack für Hütten (z.B. Ajungilak Sphere Spring, 0°C, 550gr, Daune)
  • Benzinkocher (z.B. Primus Multifuel / Omnifuel) - 1kg
  • Gewicht: 1,5kg
Unter freiem Himmel
  • Schlafsack bis -45°C (mglst. Daune wegen Gewicht z.B. von Cumulus) - 2kg
  • Biwaksack oder leichtes Zelt (z.B. MSR Hubba HP, Wechsel Pathfinder ZG) - 1,5kg
  • leichte Isomatte (z.B. von Pro-lite von Thema-a-Rest) - knapp 1kg
  • Benzinkocher (z.B. Primus Multifuel / Omnifuel) - 1kg
  • Gewicht: 5,5kg
Maxime: Je leichter, desto schön! Laßt daheim an Gewicht soviel wie sinnvoll geht!

Fahren

Maxime: Feuer frei!

Beim Fahren in diesen winterlichen Gefilden kann man getrost die üblichen Sommer­gewohnheiten vergessen. Hier wird alles anders. Nichts bleibt, wie es war. Verstand aus. Gas an.

Zuallererst benötigt es ein paar griffige Reifen. Möglichst mit anständigen, bissigen Stollen. Guter Selbstreinigungseffekt selbstverständlich vorausgesetzt. Was im Crossgelände gut ist, kann hier nicht schaden. Dazu möglichst weiche Gummimischung. Damit ist eine gute Grundlage für Schnee geschaffen. Denn darin helfen keine Metallspitzen. Und zügig wird man feststellen, daß verspurter Schnee wesentlich heikler zu fahren ist als eine spiegelglatte Eisbahn...

Dafür gibt es Spikes. Und auch, wenn sie sich auf Asphalt wenig dankbar fahren lassen, sollte man sie trotzdem parat haben. Schnell kommt man über eine Kuppe und der perfekte Asphalt weicht einer Spiegelfläche.

Oft sieht man sich auch mit s.g. schwarzen Eis konfrontiert. Die Straße sieht griffig aus. Der Asphalt ist schwarz. Was man jedoch nicht sieht, ist die dünne, transparente Eisschicht. Man merkt nur, daß einem im 5. Gang der Hintern weggeht. Spätestens dann wird es dringend Zeit für einen Satz Nägel...

Fühlen sich vielleicht die ersten Kilometer noch an wie die Hölle persönlich - Erkenntnis & Routine stellen sich ein. Irgendwann versucht man's und testet sich aus. Und siehe da ... DAS GEHT!

Schnell stellt man fest, daß Gas stabilisiert. Daß man auf festem Schnee und Eis im Drift schneller und vor allem stabiler durch die Kurve kommt als bei zaghaftem Herangehen.
Reifen mit Minimalst-Spikes
Reifen mit Minimalst-Spikes

Man sucht die weißen Flächen. Das Eis am Fahrbahnrand. Den weißen Streifen in der Fahrbahnmitte. Letzteren auch gern als Anlieger auf Asphalt in Kurven.

Daß 1.800er Rallyespikes sich auf Asphalt bescheiden fahren, sollte nachvollziehbar sein. Ggf. schadet hier ein bißchen sachte nicht. Und den Reifenluftdruck etwas zu senken, kann den Puls das ein oder andere Mal vor raketenartigem Anstieg bewahren.

Es lebe der Spaß! Ein Hoch den Kreisel­kräften! Gas auf und Feuer frei!
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