Marokko per Motorrad 2014 - Fazit

Ein Resümee voll gemischter Gefühle

Tour im Überblick

Einmal Süden bitte...

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Gesamtstrecke im Überblick Strecke in Marokko im Überblick

Europa - und der Rest der Welt

Von Dekadenz, Blindheit & Umverteilung

Marokko. Irgendwie scheint jeder, der in West­eu­ro­pa einen Hauch von Abenteuer riechen will - egal, ob per pedes, auf zwei oder vier Rädern, schonmal da gewesen zu sein. Hat seine Mopete durch Sand und Staub getrieben. Dünen gesucht. Ori­en­ta­lische Märkte durchwandert. Gast­freund­schaft genossen. Ur­laub gemacht. Und damit einen Wi­der­spruch aufgezeigt.

Den Wi­der­spruch zwischen arm und reich. Zwischen "ich muß meine Kinder ernähren" und "ich mache hier Urlaub". Zwischen "ich habe nur den Roller - die zwei Schweine müssen heim" und "meine neue BMW zickt schon wieder". Zwischen "meine 8qm, meine Frau, meine 2 Kinder, meine Mutter" und "der Gärtner hat letzte Woche den Pool nicht richtig geputzt".

Und genau DAS merkt man. Die äußerst herz­liche Gastfreundschaft dieses tollen Landes in ihrer natürlichen Ausprägung findet man nur noch dort, wo das Phänomen "Tourismus" - ein Privileg der Reichen dieser Welt - noch keinen übermäßigen Einzug gefunden hat. Dort, wo es zu unbequem ist hinzugelangen. Dort, wo man Auf­wand in­vestieren muß, man schmutzig wird. Dorthin hat sich das natürliche, un­be­zahlte, herzliche Lächeln verzogen. Ist in Deckung gegangen vor uns mehr oder minder reichen, satten, un­be­wußt agie­ren­den Menschen der west­lichen In­dustrie­staaten.
Du nicht? Du bist vernünftig und gehörst nicht zu DENEN? Sorry, Freund. Wir alle - jede(r) ein­zelne - gehören dazu. Jeder, der zum Spaß in einem fremden Land auf­­tauchen kann. Es sich leisten kann, ein großes Mo­tor­rad zu fahren. In einem Hotel zu schla­fen.

Interessant auch, daß es den Satten meist nicht auffällt. Denen, die sich selbst so mit tri­vi­alen All­tags­sor­gen zumüllen (lassen), daß ihnen Augen und Ohren für Welt & Realität vernebelt sind.

Nicht aber den weniger betuchten. Es wäre Luxus, die Augen vor der Realität zu ver­schließen.

Und so verwundert es nicht, wenn man in Ma­rok­ko - überall dort, wo der Mas­sen­tou­rismus ein all­tägliches Phänomen dar­stellt - von findigen Leu­ten über den Tisch gezogen wird. Eine nor­male Form der ge­rech­ten Um­ver­tei­lung - wenn auch un­an­ge­nehm für jene, die ge­schröpft wer­den.

Ich muß selbst stark mit mir ins Gericht gehen, wenn ich mich ungerecht be­han­delt fühle von einem Kellner, der 60 EUR fordert statt der sonst üblichen sechs. Für fünf Personen wohl­ge­merkt.

Die Relation "ortsüblich" - "Wucher" - "Hei­mat­niveau" sollte einnorden: 6 - 60 - 120+. Mahlzeit!

Menschen

Von Lächlern, Mofa-Jägern & selbstlosen Geschäftsleuten

Wie oben bereits angesprochen: Was soll man erwarten von Menschen, die ständig den ver­meint­lichen Reichtum der anderen im Kontrast zur eigenen Realität vor Augen gehalten be­kom­men?

Kann man denen, die dieses Ungleichgewicht er­ken­nen und versuchen, damit als z.B. Park­ein­weiser (wo keiner nötig wäre), als Organisator von Grill zum nächsten Sitzplatz, als Guide zum Fährschalter usw. ihr Einkommen auf­zu­bes­sern, vorwerfen, sie würden die eigene (Urlaubs-)Ruhe stören? Auch wenn es nervig er­schei­nen mag - wohl eigentlich nicht.

Ist dem jugendlichen Mofa-Fahrer, der erkannt hat, daß er mit kilometerweitem Verfolgen, Rum­schrei­en und Verkaufenwollen leichter sein nötiges Einkommen hereinholen kann als an­der­wei­tig ein Vorwurf zu machen? Den Schleppern am Fähr­hafen?

Dieser eher kleineren Minorität gegenüber steht die Menge der natürlichen oder gar herausragend positiven Charaktere und Erlebnisse.
Der junge Mann, der einem am Straßenrand plötz­lich eine Limo in die Hand drückt und meint "probier mal - ist die beste hier". Lächelt und wei­ter­geht.

Der Geschäftsmann, der anderthalb Tage seiner Zeit opfert, um ein paar dahergelaufenen Hans­würsch­ten zu helfen. Der freundliche Berber in den Bergen. Der ganzen Berber-Hoch­zeits­ge­sell­schaft.

Der Frau, die per pedes durch die trockene Ödnis auf uns zukommt und zurückhaltend bedeutet, daß sie Durst hat; die übergebene Wasserflasche und einen großen Schluck nimmt, sich mit einem Kopfnicken und Lächeln bedankt und gen Horizont ihren Weg fortsetzt.

Den Kellnern, die einem lachend versuchen Ta­ma­zight beizubringen und nachher - mit eben jenem Lachen und einem Abwinken "mit besten Grüßen aus Demnate" - nur die Hälfte abrechnen.

Wo findet man das daheim?

JA-Sagen

Los geht's

Immer wieder erwischt man sich, daß man vor un­be­kann­ten Situationen oder un­er­war­te­ten An­ge­boten skeptisch stockt.

Dabei kann es so einfach sein: Einfach mal JA sagen und abwarten, was passiert.

Das öffnet ganz oft Tür & Tor. Und wenn man dazu mit einem freundlichen, ehrlichen Lä­cheln ohne Hin­ter­ge­dan­ken be­waff­net ist, gibt's üb­li­cher­weise nichts zu be­fürch­ten.
Einfach mal JA sagen. Zweifel und Stillstand gibt's ausreichend im Leben. Jederzeit Ver­fügbar. Aber eben auch die Möglichkeiten. Die hinter einem Lächeln verschlossenen Tü­ren. Die selbstlosen An­ge­bo­te. Das be­din­gungs­lose Agieren wild­­frem­­der Men­schen.

Einfach mal JA sagen.

Fazit

Marokko - eine Reise resümiert

Ich - wir alle - konnten nicht sagen, daß wir von dieser Reise ausschließlich begeistert waren wie bei anderen zuvor durchgeführten.

Der Massentourismus hat in Marokko nunmal sein Spuren hinterlassen.

Und verantwortlich dafür zeichnen just wir - die, die wir nach Marokko fuhren, um auch mal einen Blick in den Süden zu werfen.

Ich kann verstehen, wenn Miriaden Europäer per Motorrad oder Geländefahrzeug in dieses tolle Eck­chen Welt aufbrechen. Andererseits widerum will es mir gar nicht in den Kopf, daß alles gen Süden zu streben scheint und zeit­gleich oft den Osten pauschal mit nicht real nach­voll­zieh­baren Ar­gu­men­ten verneint.
Kontrastierend ist Marokko ein fas­zi­nie­ren­des Land mit grandiosen Landschaften, sehr herzlichen Menschen, einer alten Kultur, vie­len zu ent­decken­den Dingen. Teils mär­chen­haft. Teils er­staun­lich. Speziell.

Es gibt Menschen, die ich gern noch einmal tref­fen würde. Ecken, die ich gern näher er­kun­den würde.

Aber schlußendlich geht die einhellige Ent­schei­dung wieder gen Osteuropa & Asien.

Kaukasus-Express bleibt wohl vorerst Kau­ka­sus-Express.
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